Nachdenkliche Wehrpflichtige waren in der Zeit ihrer kurzen Existenz Anfang der 80er Jahre so etwas wie eine „Supergruppe“ aus dem Umfeld des Hamburger Musikmagazins „Sounds“. Im Zentrum stand bzw. sang Diedrich Diederichsen, andere prominente Mitglieder waren u.a. FM Einheit, Bettina Köster, Frieder Butzmann oder Albert Oehlen. Ihr Stück „Svengali Joe“ ist tatsächlich, wie man es auch dreht und wendet, eines der frühesten und gelungensten Beispiele von deutschsprachigem Rap, als solches aber bis heute weitgehend übersehen. Im Original zu finden ist es auf der Doppel-LP „Kirche der Ununterschiedlichkeit“, auf der neben Nachdenkliche Wehrpflichtige noch drei andere, verwandte Projekte mit so klangvollen Namen wie LSDAP/AO, Männer in nassen Kleidern oder Vielleichtors mit jeweils einer Plattenseite vertreten sind. Das Album ist über weite Strecken, sagen wir, etwas sperrig - mit Ausnahme allerdings von „Svengali Joe“, das seinerzeit, wie fast die ganze Platte, im Hamburger Hafenklang Studio aufgenommen wurde. Im Unterscheid zu den Liedern der anderen Gruppen wurde es allerdings vom legendären André Rademacher produziert, der hier für einen modernen, kompetenten New-York-Sound sorgte. Dazu tragen Schlagzeuger Johann Bley, Detlef Diederichsen an Bass und Gitarre sowie Saxofonist Heiner Goebbels das ihre bei. Unbedingt hervorzuheben ist auch der starke Vocal Support der großen Schauspielerin Angelika Winkler. Der Text selbst stammt übrigens nicht etwa aus Diederichsens Feder, es handelt sich dabei vielmehr um so wortgewaltige wie bildmächtige Auszüge aus den Memoiren des ebenfalls legendären, österreichischen Filmregisseurs und Marlene-Dietrich-Entdeckers Josef von Sternberg. Die vorliegende, neue Edit-Version von „Svengali Joe“ greift eher zurückhaltend in das Original ein, sie dient vor allem der besseren Textverständlichkeit, sowie natürlich optimaler DJ-Auflegbarkeit.
Freiwillige Selbstkontrolle begannen ihre lange Laufbahn ungefähr zur gleichen Zeit wie Nachdenkliche Wehrpflichtige, ihr Stück „Nokturn“ stammt im Original allerdings von 2008. Zu dieser Weltklasse-Band um den Schriftsteller und DJ Thomas Meinecke und die Künstlerin Michaela Melián muss an dieser Stelle nicht viel gesagt werden, jeder kennt sie, jeder liebt sie, und erfreulicherweise ist die Gruppe bis heute auf hohem Niveau aktiv. „Nokturne“, diese Quasi-Hymne auf das Nachtleben und die damit verbundenen, allseits bekannten Ängste ist klar eines meiner Lieblingslieder von FSK; und die Idee, davon einen weniger „rockigen“, mehr discoartigen Stomper für DJs zu machen, trieb mich schon seit dem ersten Erscheinen um. In dem vorliegenden Edit sind die Drums eine Kombination aus echt Kölnischer Kickdrum, New Yorker No Wave Disco Loops und den Hamburger Original-Fills von Carl Oesterhelt. Fragmente der Original-Gitarre wurden mit Disco Strings ergänzt, und das war es eigentlich auch schon!
Floh De Cologne hingegen kommen aus einer ganz, ganz anderen Zeit und Welt (unnötig zu erwähnen, aus welcher Stadt). In den späten 60er Jahren wurden sie zu Pionieren des so genannten Politrocktheaters, als solche natürlich weit und dezidiert links. Ihr Stück „Die Luft gehört denen, die sie atmen“ findet sich auf ihrem Album „Profitgeier“, einer Rockoper von 1971. Ich stolperte über diesen Song in einer länglichen Video-Playlist zum Thema „Obskure, deutsche Discomusik“, dort hatte er, obwohl sicherlich ausreichend obskur, genau genommen nichts verloren - tanzen können dazu im engeren Sinne wohl nur die wenigsten, aber das Video dazu ist wirklich äußerst sehenswert. Der vorliegende Edit stellt klar den umfangreichsten Eingriff in Struktur, Klang und Wirkung des Originalstücks dar. Dennoch: die Drums sind wirklich aus dem Original destilliert, der gleichzeitig anklagende und erhebende Text mehr oder weniger komplett vorhanden. Bass und Keyboards dagegen: alles komplett neu. Vor ein paar Jahren durfte ich die mittlerweile betagten Genossen bei einer Preisverleihung kennenlernen und, mit ein wenig Geduld, davon überzeugen, diese völlig neue Version doch bitte, bitte für die heutige Generation Discogehender freizugeben. Und so kam es dann auch.